Eine Stiftung mit tiefen Wurzeln im Harz
Wer die Evangelische Stiftung Neinstedt versteht, blickt nicht nur auf eine Organisation, sondern auf ein Stück lebendige Sozialgeschichte mitten im Harz. Ihre Ursprünge reichen zurück bis in eine Zeit, in der sich in Deutschland eine völlig neue Idee von sozialem Handeln formte. Ausgehend von der Bewegung der Inneren Mission, geprägt durch den Theologen Johann Hinrich Wichern, entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein Netzwerk diakonischer Einrichtungen, das Hilfe nicht nur predigte, sondern praktisch leben wollte.
Auch Neinstedt gehört zu diesen frühen Gründungen. Bereits 1850 entstanden hier erste Einrichtungen, zunächst als Kinder- und Brüderhaus. In dieser Zeit ging es vor allem um Fürsorge, aber auch um Ausbildung und Struktur. Menschen wurden nicht nur betreut, sondern auch qualifiziert, ein Gedanke, der für die damalige Zeit weit voraus war. Aus den sogenannten Brüdern entwickelte sich später die heutige Berufsform der Diakoninnen und Diakone.
Diese historische Tiefe ist bis heute spürbar. Die Evangelische Stiftung Neinstedt versteht sich nicht als starre Institution, sondern als gewachsenes System, das sich über mehr als anderthalb Jahrhunderte immer wieder neu an gesellschaftliche Herausforderungen angepasst hat.
Vom Maschinenbau zur Kommunikation: Der Weg von Andreas Damm
Ein besonders eindrücklicher Blick hinter die Kulissen ergibt sich durch das Gespräch mit Andreas Damm, dem Pressereferenten der Stiftung. Sein beruflicher Weg wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich, erzählt aber viel über die Offenheit und Entwicklung innerhalb der Organisation.
Ursprünglich ausgebildet im technischen Bereich, mit Stationen im Maschinenbau und Modelltischlerhandwerk, führte ihn sein Weg nach der Wende nach Neinstedt. Dort arbeitete er viele Jahre direkt mit Menschen in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Diese Zeit prägte ihn nachhaltig.
Heute verantwortet er die gesamte Kommunikation der Stiftung nach innen und außen. Dazu gehören Pressearbeit, Social Media, Besucherführungen und interne Kommunikation, etwa über Mitarbeiterzeitungen. Seine Entwicklung steht beispielhaft für die Durchlässigkeit innerhalb der Stiftung, in der berufliche Neuorientierung nicht die Ausnahme, sondern Teil der gewachsenen Struktur ist.
„Ich hatte vorher auch andere Tätigkeiten, eigentlich haben mir alle gut gefallen“, beschreibt er seinen Weg, „aber in der Kommunikation ist es besonders spannend, weil man mit vielen Menschen in Kontakt kommt.“
Ein Netzwerk, das das Leben begleitet
Die Evangelische Stiftung Neinstedt ist heute weit mehr als eine klassische diakonische Einrichtung. Sie ist ein komplexes Netzwerk aus sozialen, pädagogischen und pflegerischen Angeboten, das sich über den gesamten Harz und darüber hinaus erstreckt.
Zum Spektrum gehören unter anderem Kindertagesstätten, Schulen, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Wohnangebote sowie Pflege- und Betreuungsdienste. Insgesamt sprechen die Verantwortlichen von einem System, das „vom Anfang des Lebens bis ins hohe Alter“ begleitet. Oft wird in diesem Zusammenhang auch der Satz verwendet: von der Wiege bis zur Bahre.
Besonders bemerkenswert ist die Vielfalt der Arbeitsfelder. Neben klassischen sozialen Angeboten betreibt die Stiftung auch landwirtschaftliche Projekte wie den Marienhof. Dort leben unter anderem Hühner, deren Eier regional vermarktet werden. Ergänzt wird das Angebot durch Tierhaltung mit Rindern sowie durch handwerkliche Bereiche wie eine Töpferei in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
Diese Mischung aus sozialer Arbeit, Landwirtschaft und Produktion zeigt, wie breit das Verständnis von Teilhabe in Neinstedt gefasst wird. Menschen sollen nicht nur betreut werden, sondern aktiv am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen können.
Leben, Arbeiten und Feiern im Harz
Neben der sozialen Arbeit spielt auch das Gemeinschaftsleben eine große Rolle. Zwei Veranstaltungen stechen im Jahresverlauf besonders hervor und zeigen, wie stark die Stiftung im regionalen Leben verankert ist.
Heute findet ein großes inklusives Open-Air-Festival statt, bei dem sowohl inklusive Bands als auch bekannte Künstler auftreten. Es ist ein Ereignis, das Menschen aus der gesamten Region anzieht und Musik, Begegnung und Teilhabe miteinander verbindet. Ein besonderes Highlight ist der Auftritt von Vincent Gross als Hauptact sowie die Beteiligung verschiedener inklusiver Musikgruppen.
Am Sonntag, den 10. Mai folgt das traditionelle Jahresfest, das in diesem Jahr sein 176-jähriges Bestehen feiert. Mit rund 3.500 Besucherinnen und Besuchern zählt es zu den größten Veranstaltungen der Stiftung. Zwischen Werkstätten, Hofbereichen und Begegnungsflächen entsteht eine Festmeile, auf der sich Mitarbeitende, Angehörige, Partner und Gäste begegnen.
„Das ist wie ein großes Treffen vieler Menschen, die sich sonst lange nicht sehen“, beschreibt Andreas Damm die Atmosphäre. Für viele Familien hat dieses Fest eine lange Tradition und ist ein fester Termin im Kalender.
Auch die Umgebung spielt dabei eine Rolle. Der Harz mit seinen Wanderwegen, Klösterrouten und Landschaften ist für viele Mitarbeitende und Bewohner ein Ort der Erholung. Besonders der Südharz oder der Klosterwanderweg zwischen Goslar und Halberstadt werden als Kraftorte genannt, die Ruhe und Ausgleich bieten.
Ein System, das gewachsen ist und weiter wächst
Die Evangelische Stiftung Neinstedt ist heute einer der größten sozialen Träger im Landkreis Harz. Mit rund 1300 Mitarbeitenden und weiteren Tochtergesellschaften bildet sie ein weit verzweigtes System, das kontinuierlich wächst und sich verändert.
Gleichzeitig steht sie vor typischen Herausforderungen sozialer Einrichtungen, etwa beim Fachkräftemangel in Pflege- und medizinischen Bereichen. Besonders deutlich wird dies im Bereich der psychiatrischen Versorgung oder bei ärztlichen Positionen, die schwer zu besetzen sind.
Trotz dieser Herausforderungen bleibt der Grundgedanke stabil: Menschen begleiten, fördern und ihnen Teilhabe ermöglichen. Die Geschichte der Stiftung zeigt, dass diese Idee über Generationen hinweg tragfähig ist und sich immer wieder neu an gesellschaftliche Realitäten anpasst.
Wer heute durch Neinstedt geht, begegnet nicht nur einer Einrichtung, sondern einem gewachsenen sozialen Organismus, der tief im Harz verwurzelt ist und gleichzeitig weit über die Region hinaus wirkt.
Am Ende bleibt der Eindruck einer Organisation, die Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet, getragen von Menschen, die ihre Arbeit nicht als Aufgabe, sondern als Haltung verstehen.
Evangelische Stiftung Neinstedt
📍Lindenstr. 2 · 06502 Thale OT Neinstedt
📞Tel.: (03947 ) 99–0
✉️Email: kontakt@neinstedt.de
🌐Website: https://www.neinstedt.de




































