Wer durch Böhnshausen fährt, ahnt kaum, dass hinter den Feldern und Hallen eines der spannendsten Kapitel moderner Pflanzenzüchtung geschrieben wird. Hier, im kleinen Ortsteil von Langenstein, sitzt mit der Nordsaat Saatzucht GmbH ein Unternehmen, das nicht nur tief in der Geschichte verwurzelt ist, sondern zugleich täglich an der Zukunft der Landwirtschaft arbeitet. Zwischen Winterweizen, Sommergerste, Wintergerste und Hafer geht es hier nicht einfach um Saatgut – es geht um Ernährungssicherheit, Innovation und die Frage, wie Landwirtschaft in einer sich wandelnden Welt bestehen kann.
Für Alexis von Rhade ist dieser Ort weit mehr als ein Unternehmensstandort. Es ist Heimat. Seit Februar 2019 ist er als geschäftsführender Gesellschafter offiziell zurück im Familienunternehmen, doch seine Verbindung reicht viel weiter zurück. „Ich bin ja hier aufgewachsen“, erzählt er. Zwar in Schleswig-Holstein geboren, wurde er in Langenstein eingeschult, verbrachte hier seine Kindheit und kehrte nach rund 20 Jahren Ausbildung und Berufserfahrung bewusst zurück. „Mittlerweile muss ich klar sagen: Meine Heimat, mein Zuhause – das ist hier.“
Von Pommern über Schleswig-Holstein bis in den Harz
Die Geschichte der Familie von Rhade beginnt jedoch nicht im Harz, sondern in Pommern, an der Ostseeküste nordöstlich von Stettin, wo Sie als Landwirte tätig waren. Nach dem Krieg baute Claus-Oloff von Rhade mit Frau Margarete von Schultz (von Rügen geflüchtet und Frau vom zurückgebliebenen und später erschossenen Gründer der Nordsaat) in Schleswig Holstein die Nordsaat mit Landwirtschaft und Saatzucht neu auf. Bereits damals war klar: Pflanzenzüchtung ist kein kurzfristiges Geschäft, sondern ein Generationenprojekt.
Mit der Wiedervereinigung kam Anfang der 1990er Jahre eine Entscheidung, die alles veränderte. Der Saatzuchtbetrieb und das Zuhause in Schleswig-Holstein wurde nahezu vollständig aufgegeben, um in Sachsen-Anhalt neu zu beginnen. „Mein Vater sagt immer, es gab zwei Filetstücke in Sachsen-Anhalt: Hadmersleben und hier Böhnshausen“, erinnert sich von Rhade. Die Wahl fiel bewusst auf Böhnshausen – kleiner, überschaubarer, aber mit einer starken Tradition als Züchtungsstandort.
1991 wurde der gesamte Betriebssitz innerhalb eines Jahres verlagert. Eine enorme Investition, verbunden mit maroder Infrastruktur, aber auch mit einer großen Chance: einem hervorragend ausgebildeten Team vor Ort. Viele Mitarbeitende aus DDR-Zeiten konnten übernommen werden, einige blieben Jahrzehnte. Erst kürzlich wurde eine Kollegin verabschiedet, die seit 1987 auf dem Standort tätig war. Heute liegt der Hauptsitz der Nordsaat Saatzucht GmbH offiziell in Langenstein, OT Böhnshausen, in der Böhnshauser Straße 1. Dort arbeiten die Geschäftsführer Wolf von Rhade und Alexis von Rhade gemeinsam an der Weiterentwicklung des Unternehmens.
Zehn Jahre für acht Kandidaten
Was viele nicht wissen: Eine neue Getreidesorte entsteht nicht in wenigen Monaten, sondern oft erst nach einem Jahrzehnt. Genau darin liegt die eigentliche Kunst der Saatzucht.
„Unser Weizenzüchter stellt jedes Jahr ungefähr 10.000 bis 12.000 neue Kandidaten ins Feld“, erklärt von Rhade. Diese Kandidaten müssen innerhalb von neun bis zehn Jahren auf idealerweise acht reduziert werden. Zu krankheitsanfällig? Raus. Zu wenig Ertrag? Raus. Keine Standfestigkeit bei Wind und Regen? Ebenfalls raus. Am Ende bleiben nur wenige übrig, die überhaupt in die offizielle Prüfung beim Bundessortenamt in Hannover gehen dürfen. Dort entscheidet sich in drei weiteren Prüfungsjahren, ob eine Sorte überhaupt marktfähig ist. Nur wenn sie einen sogenannten landeskulturellen Wert nachweist – also besser ist als das, was bereits existiert – erhält sie die Zulassung.
„In der Pflanzenzüchtung hätte es Dacia nie gegeben“, sagt von Rhade mit einem Schmunzeln. Der Vergleich ist bewusst provokant: Mittelmaß reicht nicht. Eine neue Sorte muss echten Fortschritt bringen. Verdient wird dann nicht über Patente auf das Saatgut selbst, sondern über Züchterlizenzen. Wenn Landwirte eine Sorte kaufen, fließt ein Teil des Verkaufspreises als Lizenz zurück an das Unternehmen.
Forschung zwischen Klimawandel und politischer Debatte
Die Anforderungen an moderne Pflanzenzüchtung wachsen ständig. Weniger Pflanzenschutz, weniger Dünger, gleichzeitig höhere Erträge, mehr Trockenheitsresistenz, mehr Krankheitsstabilität – die Landwirtschaft steht unter enormem Druck.
„Von uns Pflanzenzüchtern wird extrem viel gefordert“, sagt von Rhade. Genau deshalb brauche man einen möglichst gut ausgestatteten Werkzeugkasten.
Dabei spricht er auch offen über Technologien wie CRISPR-Cas, oft verkürzt als Genschere bezeichnet. Für ihn ist die Debatte darüber häufig zu emotional und zu wenig sachlich geführt. „Das ist nicht die Lösung für alle Probleme, aber es kann ein weiterer Schlüssel sein.“
Entscheidend sei, zu verstehen, dass moderne Pflanzenzüchtung nicht automatisch etwas mit klassischen gentechnisch veränderten Organismen zu tun habe. Vielmehr gehe es darum, natürliche Prozesse gezielter und schneller nutzbar zu machen – gerade in einer Zeit, in der neun bis zwölf Jahre Entwicklungszeit enorme Herausforderungen bedeuten.
Ebenso kritisch sieht Nordsaat die Gefahr einer patentblockierten Genetik durch große Konzerne. Das Unternehmen setzt auf das sogenannte Züchterprivileg – ein Open-Source-Prinzip der Pflanzenzüchtung, bei dem vorhandene Genetik am Markt für dir Entwicklung verwendet werden darf. Vielfalt entstehe nicht durch wenige Großkonzerne, sondern durch viele mittelständische Unternehmen.
Die größte Energie liegt zu Hause
Trotz internationaler Kooperationen in Frankreich, England, Ungarn oder Rumänien bleibt Alexis von Rhade im Herzen bodenständig. Die größte Kraftquelle findet er nicht auf Kongressen oder in Forschungsnetzwerken, sondern ganz privat. „Ich bin Vater von zwei kleinen Kindern, Nummer drei ist auf dem Weg“, erzählt er. Und dann folgt der vielleicht ehrlichste Satz des gesamten Gesprächs: „Wenn ich Urlaub zu Hause in Langenstein mit meinen Kindern und meiner Familie verbringen kann, dann gibt mir das die meiste Energie.“
Vielleicht ist genau das das Geheimnis hinter einem Unternehmen wie Nordsaat: Zukunft entsteht dort am besten, wo Menschen nicht nur arbeiten, sondern wirklich verwurzelt sind. Zwischen Harzer Boden, jahrzehntelanger Erfahrung und dem Mut, Landwirtschaft immer wieder neu zu denken. Gerade deshalb wächst in Böhnshausen nicht nur Saatgut. Hier wächst Vertrauen in die nächste Generation.
Nordsaat Saatzucht GmbH
📍Böhnshauser Str. 1 · 38895 Langenstein
📞Tel.: 03941 — 669–0
✉️Email: nordsaat@nordsaat.de
🌐Website: https://www.nordsaat.de







































