Manchmal beginnt eine neue Geschichte nicht mit einem großen Geschäftsplan, sondern mit Räumen, die plötzlich eine neue Bedeutung bekommen. In Bad Harzburg ist genau daraus ein Ort entstanden, an dem heute Bücher weitergegeben, Erinnerungen bewahrt und Menschen zusammengebracht werden. Wo sich früher die Praxisräume ihres Vaters befanden, hat Katrin Pesic mit der Villa Buch einen Secondhandbuchladen geschaffen, der längst mehr ist als ein Geschäft. Zwischen vollgestellten Regalen, bekannten Romanen, überraschenden Fundstücken und immer neuen Geschichten ist ein Treffpunkt gewachsen, der zeigt, wie lebendig die Liebe zum gedruckten Wort sein kann.
Der Weg dorthin war keineswegs vorgezeichnet. Pesic studierte ursprünglich Medizin, arbeitete später im pharmazeutischen Bereich und hörte schließlich auf zu arbeiten. Doch einfach nichts zu tun, war für sie keine wirkliche Option. Die ehemaligen Praxisräume ihres verstorbenen Vaters waren vorhanden, ebenso eine persönliche Verbindung zu Büchern, die sie schon seit ihrer Kindheit begleitet. Also begann sie, die Räume neu zu denken. Regale wurden aufgestellt, Bücher von Freunden und Bekannten zusammengetragen, Flohmärkte durchstöbert und Stück für Stück entstand aus einer Idee ein Laden.
Wenn aus zwei Buchgeschichten eine gemeinsame Zukunft wird
Dass die Villa Buch heute eine besondere Stellung in Bad Harzburg einnimmt, hat auch mit einer zweiten Geschichte zu tun. Mehr als zwei Jahrzehnte lang gehörte “Das Lesestübchen” von Karin Krömer zur Bad Harzburger Bücherlandschaft. Als Krömer sich mit fast 70 Jahren nach 22 Jahren zurückziehen wollte, trafen zwei Entwicklungen genau im richtigen Moment aufeinander. Pesic hatte Platz, Begeisterung und einen neuen Laden. Krömer hatte einen gewachsenen Bestand, Stammkunden und jahrzehntelange Erfahrung.
Aus Konkurrenz wurde Zusammenarbeit.
Als das Lesestübchen schließlich schloss, wurde der Umzug selbst zu einem Bild dafür, was Bücher in einer Stadt auslösen können. Rund 70 Menschen kamen zusammen und bildeten eine Menschenkette. Die Bücher wurden über etwa 200 Meter vom alten Laden bis zur Villa Buch weitergereicht. Buch für Buch, Hand für Hand.
Es war nicht einfach nur ein Umzug von Inventar. Es war die Weitergabe eines Stücks Bad Harzburger Stadtgeschichte.
Auch personell lebt diese Verbindung weiter. Karin Krömer arbeitet weiterhin einmal pro Woche in der Villa Buch und kann dort bekannte Kunden und ihre Bücher betreuen. Ihre frühere Mitarbeiterin Katrin Langner ist ebenfalls mitgekommen. So steht die Villa Buch nicht für einen harten Schnitt, sondern für Weiterentwicklung. Etwas Bewährtes durfte bleiben und gleichzeitig etwas Neues entstehen.
Nach dem ersten Jahr zieht Pesic ein deutlich positives Fazit. Die Resonanz sei groß, viele Menschen seien längst zu Stammkunden geworden. Einige schauen einfach spontan herein und fragen, ob es etwas Neues gibt. Genau in solchen Momenten zeigt sich, dass ein kleiner Buchladen etwas leisten kann, das sich kaum in Verkaufszahlen ausdrücken lässt: Er kann ein vertrauter Ort werden.
Ein Laden, in dem aus Lesern eine Gemeinschaft wird
Die Villa Buch endet nicht an der Ladentheke. Einmal im Monat trifft sich dort ein Buchclub, den Pesic gemeinsam mit Sarah, einer begeisterten Buchliebhaberin, ins Leben gerufen hat. Im Durchschnitt kommen zehn bis zwölf Menschen zusammen, sprechen über Literatur, tauschen Eindrücke aus und entdecken Bücher durch die Augen anderer neu. Auch jüngere Teilnehmerinnen sind inzwischen dabei.
Für Pesic ist gerade das ein Grund zur Hoffnung. Denn obwohl Bücher mit Streaming, sozialen Medien und unzähligen digitalen Angeboten um Aufmerksamkeit konkurrieren, erlebt sie in ihrem Laden immer wieder junge Menschen, die ganz bewusst zum gedruckten Buch greifen.
“Es ist immer ein wunderbarer Austausch”, sagt Pesic über die Treffen des Buchclubs.
Dieser Austausch zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Villa Buch. In den Ferien beteiligt sich der Laden am Bad Harzburger Ferienpass. Unter dem Motto “Kreuz und quer durch die Bücherregale” gibt es Rallyes, Lesezeichen werden gebastelt und Kinder können die Welt der Bücher spielerisch entdecken. Bei einer “magischen Nacht der Bücher” wurden die Räume verdunkelt und Zaubergeschichten vorgelesen. Auch Kindergärten kommen zu Besuch.
Dabei geht es nicht darum, Kindern das Lesen mit erhobenem Zeigefinger näherzubringen. Es geht darum, Neugier zu wecken. Ein Buch soll nicht wie eine Pflicht wirken, sondern wie eine Tür, hinter der etwas Unbekanntes wartet.
Gleichzeitig richtet sich das Engagement an Menschen am anderen Ende des Lebens. In der Seniorenresidenz Scharenberg hat die Villa Buch eine Patenschaft für ein Bücherregal übernommen. Der vorhandene Bestand wurde durchgesehen und mit geeigneten gebrauchten Büchern ergänzt. Dabei achtet das Team unter anderem auf größere Schrift und handliche Ausgaben. Katrin Langner schaut regelmäßig nach dem Regal und nimmt auch Wünsche der Bewohner auf.
So wandern die Bücher weiter. Von einem Besitzer zum nächsten, von einer Generation zur anderen.
Literatur, die in Bad Harzburg Wirkung entfaltet
Auch finanziell bleibt ein Teil dessen, was in der Villa Buch entsteht, in der Region. Wenn Kunden beim Kauf eines Buches etwas mehr geben oder bei Veranstaltungen kleine zusätzliche Beträge zusammenkommen, sammelt Pesic dieses Geld. Etwa alle drei Monate geht eine Spende an eine regionale oder lokale Einrichtung. Unterstützt wurden beziehungsweise eingeplant sind unter anderem der Jugendtreff, der Kinderschutzbund und das Tierheim. Dabei kommen nach Angaben von Pesic regelmäßig etwa 200 bis 300 Euro zusammen.
Auch Kooperationen gehören inzwischen selbstverständlich zum Alltag. Der Literaturtreff des Mehrgenerationenhauses war bereits zu Kaffee und Kuchen zu Gast. Eine Praktikantin, die Weltliteratur studiert und selbst am Buchclub teilnimmt, hielt einen Vortrag über Mark Twain. Bei der “Langen Nacht der Bücher” wiederum wurde die Villa Buch bis spät in den Abend zum Veranstaltungsort. Die Autorin Marie Cronos aus der Region las noch um 22 Uhr vor mehr als 30 Gästen. Über den gesamten Abend verteilt kamen laut Pesic mehr als 70 Menschen.
Diese Zahlen erzählen vor allem eines: Menschen wollen solche Orte.
Sie wollen Räume, in denen sie nicht möglichst schnell etwas kaufen und wieder verschwinden müssen. Sie wollen miteinander sprechen, Empfehlungen austauschen, Kaffee trinken, einer Lesung zuhören oder zwischen Regalen auf ein Buch stoßen, nach dem sie überhaupt nicht gesucht hatten.
Selbst die sozialen Medien, die auf den ersten Blick wie die Gegenspieler einer klassischen Buchhandlung wirken könnten, sind für die Villa Buch zu einer Brücke geworden. Pesic, die zuvor kaum auf Instagram aktiv war, baute sich innerhalb des ersten Jahres eine Community mit mehreren hundert Followern auf. Besonders deutlich spürte sie die Wirkung, nachdem eine Buchbloggerin aus München über die Villa Buch berichtet hatte und der Beitrag auch auf TikTok verbreitet wurde. In den folgenden Wochen kamen auffällig viele jüngere Besucher in den Laden.
Vielleicht ist es genau diese Mischung, die die Villa Buch ausmacht. Hier stehen alte Bücher in neuen Regalen. Eine traditionsreiche Bad Harzburger Buchgeschichte lebt in neuen Räumen weiter. Junge Menschen entdecken gebrauchte Literatur über soziale Medien. Senioren bekommen neue Bücher in ihr vertrautes Regal. Kinder sitzen im Dunkeln und hören Zaubergeschichten. Und wenn Bücher einmal umziehen müssen, stehen plötzlich 70 Menschen auf der Straße und reichen sie von Hand zu Hand.
Die Villa Buch zeigt damit, dass ein Secondhandbuchladen nicht rückwärtsgewandt sein muss. Im Gegenteil. Er kann ein moderner Treffpunkt sein, gerade weil er etwas bietet, das sich nicht digitalisieren lässt: persönliche Begegnungen, Gespräche, Zufälle und das Gefühl, irgendwo willkommen zu sein.
Und vielleicht liegt darin die schönste Geschichte dieses ersten Jahres. Katrin Pesic wollte nach ihrem Berufsleben eigentlich nur noch einmal etwas Neues machen, damit es nicht langweilig wird. Entstanden ist ein Ort, der inzwischen auch das Leben vieler anderer Menschen ein kleines Stück bereichert.
KONTAKT:
Instagram: @villa.buch
Webseite: www.villabuch.de
Telefon:05322 9290398



































