Wenn man in Langenstein im Harz aus einem der Fenster des Internationalen Bildungs- und Sozialwerks blickt, fällt der Blick nicht auf eine abstrakte Einrichtung, sondern auf eine Kulisse, die fast filmisch wirkt: der Schlosspark, weitläufiges Grün, alte Bäume, ein Ort, der Ruhe ausstrahlt und gleichzeitig voller Leben ist. In der Einrichtung werden Autisten und Menschen mit dem Prader-Willi-Syndrom betreut. Genau hier arbeitet Sibylle Riedel seit vielen Jahren, und genau hier ist aus einer beruflichen Entscheidung eine echte Lebensaufgabe geworden.
Ein Ort, der mehr ist als nur Arbeitsplatz
„Wenn man hier bei mir aus dem Fenster guckt, kann man genau in den Schlosspark gucken“, erzählt Sibylle Riedel im Gespräch und beschreibt damit nicht nur die Lage, sondern auch die besondere Atmosphäre des Standorts. Das Internationale Bildungs- und Sozialwerk in Langenstein ist in drei Häusern organisiert, gewachsen aus einer ursprünglichen Idee, die sich über Jahrzehnte zu einer komplexen sozialen Struktur entwickelt hat.
Heute leben hier rund 62 Bewohnerinnen und Bewohner, begleitet von etwa 110 Mitarbeitenden. Dass diese Dimension nicht nur Organisation, sondern auch Verantwortung bedeutet, wird schnell deutlich. Küche, Wäscherei und unterschiedliche Werkstätten gehören ebenso zum Alltag wie therapeutische Angebote und individuell strukturierte Tagesabläufe.
Vom Quereinstieg zur Leitungsfunktion
Sibylle Riedels Weg in die Einrichtung begann 1999, zunächst ohne spezifische Vorkenntnisse im Bereich Autismus. „Ich hatte gar keine Ahnung von Autismus, muss man einfach so sagen“, erinnert sie sich offen. Die erste Vorstellung sei stark geprägt gewesen von populären Bildern, die der Realität nicht standhalten konnten.
Der Einstieg erfolgte über ein Praktikum. Was damals als berufliche Chance begann, entwickelte sich zu einer langen Bindung: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal 27 Jahre hier bin.“ Vom Gruppendienst über die Wohngruppenleitung bis hin zur heutigen Leitungsfunktion hat sie alle Stationen durchlaufen. Diese Erfahrung prägt bis heute ihren Führungsstil, weil sie die Abläufe aus jeder Perspektive kennt.
Auch die Geschichte der Einrichtung selbst ist eng mit Entwicklung verbunden. Aus dem früheren Kyffhäuser Bildungs- und Sozialwerk entstand ein Standort, der sich gezielt auf Menschen mit Autismus und weiteren Unterstützungsbedarfen spezialisiert hat.
Struktur als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben
Im Alltag zeigt sich schnell, wie wichtig klare Strukturen sind. Viele Bewohner benötigen feste Abläufe, die ihnen Orientierung geben: Aufstehen, Frühstück, Werkstatt, Mittagessen, wiederkehrende Rhythmen. Schon kleine Veränderungen können große Auswirkungen haben.
„Autismus ist breit gefächert“, erklärt Sibylle Riedel. Es gebe Menschen, die sprechen können, andere nicht, einige mit Nähebedürfnis, andere ohne. Gerade diese Vielfalt macht die Arbeit anspruchsvoll, aber auch individuell.
In den Werkstätten vor Ort, etwa in der Holz‑, Fahrrad- oder Töpferwerkstatt, wird nicht auf Produktivität im klassischen Sinne hingearbeitet, sondern auf Teilhabe. Manche benötigen Monate für ein einzelnes Werkstück, andere arbeiten in kurzen Einheiten mit Pausen. Entscheidend ist nicht das Ergebnis, sondern die Möglichkeit, sich einzubringen.
Talente, die sichtbar werden, wo man sie nicht erwartet
Besonders eindrucksvoll beschreibt Sibylle Riedel die Entwicklung vieler Bewohnerinnen und Bewohner. „Wir erwarten jetzt nicht, dass am Ende des Tages ein Produkt hergestellt wird“, sagt sie, „sondern dass sie zeigen können, was in ihnen steckt.“
Diese Haltung führt dazu, dass Talente sichtbar werden, die im klassischen Alltag oft verborgen bleiben. Theatergruppen, Chorauftritte oder sportliche Wettbewerbe gehören genauso zum Leben der Einrichtung wie Werkstattarbeit. Wenn Bewohner auf der Bühne stehen oder Medaillen gewinnen, entsteht ein Moment, der weit über pädagogische Arbeit hinausgeht.
„Wenn dann hinterher die anderen sagen, das war super, dann ist das schon phänomenal“, beschreibt sie eine dieser Situationen. Es sind genau diese Augenblicke, die den Kern der Arbeit ausmachen: Anerkennung, Teilhabe und echte emotionale Resonanz.
Gleichzeitig zeigt der Alltag auch die Kontraste. Manche Bewohner können komplexe Inhalte erfassen oder außergewöhnliche Gedächtnisleistungen zeigen, andere benötigen Unterstützung bei grundlegenden Alltagsaufgaben. Diese sogenannte Inselbegabung ist kein Widerspruch, sondern Teil der Realität, mit der das Team täglich arbeitet.
Menschlichkeit, Direktheit und echte Begegnungen
Was im Gespräch immer wieder durchscheint, ist die besondere Form der Kommunikation. Bewohner äußern sich direkt, ungefiltert und ehrlich. „Die würden dir auch ganz ehrlich auf den Kopf zu sagen, wenn etwas blöd ist“, sagt Sibylle Riedel und lacht dabei.
Diese Direktheit ist für viele Außenstehende ungewohnt, für das Team aber ein zentraler Bestandteil der Arbeit. Sie schafft Klarheit und echte Begegnung, ohne soziale Masken.
Auch persönliche Momente gehören dazu. Fehler im Alltag, kleine Missverständnisse oder spontane Situationen werden nicht überhöht, sondern mit Humor genommen. Genau darin liegt eine Stärke des Teams: Professionalität und Menschlichkeit schließen sich hier nicht aus, sondern ergänzen sich.
Ein Ort zwischen Verantwortung und Weitblick
Das Internationale Bildungs- und Sozialwerk in Langenstein ist mehr als eine Einrichtung. Es ist ein Lebensraum, in dem Struktur Sicherheit gibt und Individualität Raum bekommt. Gleichzeitig ist es ein Arbeitsplatz, der hohe Anforderungen stellt und gleichzeitig tiefe Sinnhaftigkeit vermittelt.
Wenn Sibylle Riedel am Ende des Tages abschaltet, dann oft dort, wo auch der Blick weit wird: im Schlosspark oder an der Ostsee. „Einfach mal den Kopf frei kriegen“, sagt sie. Vielleicht ist genau das das verbindende Element zwischen all den Aufgaben, Menschen und Geschichten: die Suche nach Momenten, in denen alles kurz still wird.
Internationales Bildung — und Sozialwerk
📍Bahnhofs. 14b · 38895 Halberstadt OT Langenstein
📞Tel.: 03941- 56640
✉️Email: sibylle.riedel@int-bsw.de
🌐Website: https://www.int-bsw.de/einrichtungen/schloss-langenstein

















































