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„Bei 3 Euro pro Liter gehe ich zum Arbeits­amt“: Arbeits­weg wird für Harz-Pend­ler zum Ver­lust­ge­schäft

Stiegende Benzinpreise machen das Arbeiten immer mehr zum Verlustgeschäft
Stiegende Benzinpreise machen das Arbeiten immer mehr zum Verlustgeschäft

Stei­gen­de Ben­zin­prei­se brin­gen Pend­ler an ihre Gren­zen

Die Dis­kus­si­on um stei­gen­de Kraft­stoff­prei­se in Deutsch­land erreicht einen neu­en Höhe­punkt. Beson­ders betrof­fen sind soge­nann­te Harz-Pend­ler – Men­schen, die trotz nied­ri­ger Ein­kom­men wei­te Stre­cken zur Arbeit zurück­le­gen müs­sen. Die zuge­spitz­te Aus­sa­ge „Bei 3 Euro pro Liter lohnt sich Arbei­ten nicht mehr“ steht dabei sinn­bild­lich für die wach­sen­de Ver­zweif­lung vie­ler Betrof­fe­ner.

Mit anhal­tend hohen Sprit­prei­sen gera­ten ins­be­son­de­re Haus­hal­te mit gerin­gem Ein­kom­men zuneh­mend unter Druck. Wer täg­lich auf das Auto ange­wie­sen ist, sieht sich mit stark stei­gen­den Mobi­li­täts­kos­ten kon­fron­tiert, die einen erheb­li­chen Teil des ver­füg­ba­ren Ein­kom­mens ver­schlin­gen und den finan­zi­el­len Spiel­raum im All­tag deut­lich ein­schrän­ken.

War­um Pen­deln selbst für Durch­schnitts­ver­die­ner zum Pro­blem wird

Vie­le Arbeit­neh­mer im Nied­rig­lohn­sek­tor leben außer­halb der gro­ßen Städ­te, in denen Arbeits­plät­ze häu­fig bes­ser ver­füg­bar sind. Dadurch ent­ste­hen täg­lich lan­ge Pen­del­stre­cken von 30, 50 oder sogar mehr Kilo­me­tern, die zwangs­läu­fig mit dem Auto zurück­ge­legt wer­den müs­sen.

Steigt der Ben­zin­preis in Rich­tung 3 Euro pro Liter, ver­än­dert sich die finan­zi­el­le Situa­ti­on dras­tisch. Trotz Voll­zeit­job blei­ben oft hohe monat­li­che Sprit­kos­ten, wäh­rend der Abstand zwi­schen Arbeits­ein­kom­men und mög­li­chen Sozi­al­leis­tun­gen immer klei­ner wirkt. Hin­zu kom­men wei­te­re Belas­tun­gen wie Ver­si­che­rung, War­tung und Ver­schleiß des Fahr­zeugs. Für vie­le Betrof­fe­ne ent­steht dadurch ein zusätz­li­cher psy­cho­lo­gi­scher Druck, da sich der Ein­druck ver­stärkt, „nur noch fürs Tan­ken zu arbei­ten“.

Gera­de für Haus­hal­te mit ohne­hin knap­pem Bud­get kann das täg­li­che Pen­deln so schnell zur ernst­haf­ten Kos­ten­fal­le wer­den.

Rechen­bei­spiel: So stark wir­ken sich hohe Ben­zin­prei­se aus

Ein ein­fa­ches Bei­spiel ver­deut­licht die finan­zi­el­le Belas­tung: Ein Pend­ler fährt täg­lich 40 Kilo­me­ter zur Arbeit, also ins­ge­samt 80 Kilo­me­ter pro Arbeits­tag. Bei einem Ver­brauch von 7 Litern pro 100 Kilo­me­ter ergibt sich bei 20 Arbeits­ta­gen im Monat ein Kraft­stoff­be­darf von rund 112 Litern.

Bei einem Ben­zin­preis von 1,80 Euro pro Liter ent­ste­hen so Kos­ten von etwa 202 Euro im Monat. Steigt der Preis auf 2,50 Euro pro Liter, erhö­hen sich die Kos­ten bereits auf rund 280 Euro. Bei 3,00 Euro pro Liter liegt die monat­li­che Belas­tung sogar bei etwa 336 Euro. Damit wird deut­lich, dass die Dif­fe­renz zwi­schen mode­ra­ten und extrem hohen Sprit­prei­sen schnell über 100 Euro pro Monat betra­gen kann – allein für den Arbeits­weg.

War­um gera­de Harz-Pend­ler beson­ders betrof­fen sind

Men­schen im unte­ren Ein­kom­mens­be­reich haben oft kaum Alter­na­ti­ven zur täg­li­chen Auto­fahrt. Ein Wohn­ort­wech­sel ist finan­zi­ell häu­fig nicht mög­lich, wäh­rend der öffent­li­che Nah­ver­kehr im länd­li­chen Raum vie­ler­orts nur unzu­rei­chend aus­ge­baut ist. Zusätz­lich erschwe­ren Schicht­ar­beit und wech­seln­de Arbeits­zei­ten die Nut­zung von Bus und Bahn erheb­lich.

Auch Home­of­fice ist in vie­len Bran­chen kei­ne Opti­on, sodass eine struk­tu­rel­le Abhän­gig­keit vom Auto ent­steht. Die­se Kom­bi­na­ti­on führt dazu, dass stei­gen­de Kraft­stoff­prei­se gera­de für die­se Grup­pe beson­ders stark ins Gewicht fal­len und die finan­zi­el­le Belas­tung wei­ter ver­schär­fen.

Schock an der Tank­stel­le: Betrof­fe­ne reagie­ren auf Preis­explo­si­on

Vie­le Pend­ler ver­su­chen bereits, ihre Kos­ten aktiv zu sen­ken. Häu­fig wer­den Fahr­ge­mein­schaf­ten gebil­det, um die Sprit­kos­ten zu tei­len. Ande­re wech­seln auf klei­ne­re oder spar­sa­me­re Fahr­zeu­ge oder redu­zie­ren bewusst unnö­ti­ge Fahr­ten im All­tag. In man­chen Fäl­len wird sogar ein Job­wech­sel in Betracht gezo­gen, um näher am Wohn­ort arbei­ten zu kön­nen.

Aller­dings sind die­se Maß­nah­men nicht immer kurz­fris­tig umsetz­bar. Ins­be­son­de­re ein ange­spann­ter Arbeits­markt oder lang­fris­ti­ge Arbeits­ver­trä­ge erschwe­ren schnel­le Ver­än­de­run­gen und las­sen vie­len Betrof­fe­nen nur begrenz­te Hand­lungs­spiel­räu­me.

Poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Dis­kus­si­on nimmt zu

Die stark gestie­ge­nen Ben­zin­prei­se haben auch eine poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Debat­te über Mobi­li­täts­ge­rech­tig­keit in Deutsch­land aus­ge­löst. Kri­ti­ker for­dern unter ande­rem höhe­re Pend­ler­pau­scha­len, einen kon­se­quen­ten Aus­bau des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs im länd­li­chen Raum sowie geziel­te Ent­las­tun­gen für Gering­ver­die­ner.

Zudem wird ver­stärkt dis­ku­tiert, wie fle­xi­ble Arbeits­mo­del­le wie Home­of­fice wei­ter geför­dert wer­den kön­nen, um Pen­del­stre­cken grund­sätz­lich zu redu­zie­ren. Gleich­zei­tig steht die Fra­ge im Raum, wie sozia­le Här­ten im Zuge der Ener­gie­wen­de und des Kli­ma­schut­zes bes­ser abge­fe­dert wer­den kön­nen, ohne bestimm­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen über­mä­ßig zu belas­ten.

Zer­reiß­pro­be: Mobi­li­tät wird zur sozia­len Fra­ge

Die Aus­sa­ge „Bei 3 Euro pro Liter lohnt sich Arbei­ten nicht mehr“ ist zwar bewusst zuge­spitzt for­mu­liert, macht jedoch ein rea­les Pro­blem sicht­bar. Für vie­le Gering­ver­die­ner kann der täg­li­che Arbeits­weg durch stark stei­gen­de Sprit­prei­se tat­säch­lich zur finan­zi­el­len Belas­tungs­gren­ze wer­den.

Ohne struk­tu­rel­le Ver­bes­se­run­gen in der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur und geziel­te sozia­le Ent­las­tungs­maß­nah­men droht sich die Sche­re zwi­schen Ein­kom­men und Arbeits­kos­ten wei­ter zu öff­nen – mit spür­ba­ren Fol­gen für den Arbeits­markt, die indi­vi­du­el­le Mobi­li­tät und die gesell­schaft­li­che Teil­ha­be.

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