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Auf den Spu­ren von Hein­rich Hei­ne: Die Harz­rei­se — das neue Buch von Stef­fen Kopetz­ky

Bildquelle: Pressestelle Rowohlt Verlag
Bildquelle: Pressestelle Rowohlt Verlag

Vor zwei Jahr­hun­der­ten durch­streif­te Hein­rich Hei­ne den Harz und ver­wan­del­te sei­ne Wan­de­rung in ein lite­ra­ri­sches Echo, das bis heu­te nach­klingt: die „Harz­rei­se“ – halb Rei­se­be­richt, halb poe­ti­sche Spie­ge­lung einer Land­schaft im Wan­del.

Auf alten Pfa­den: Stef­fen Kopetz­ky folgt der Rou­te von Hein­rich Hei­ne

Nun folgt Stef­fen Kopetz­ky die­ser alten Spur. In sei­nem Buch „Die Harz­rei­se“ setzt er den Fuß in den­sel­ben Boden, doch die Zeit hat das Gelän­de neu gezeich­net.

Er steigt in Göt­tin­gen aus dem Zug, als tre­te er aus der Gegen­wart in eine zwei­te, älte­re Schicht der Welt, und beginnt sei­nen Weg ent­lang jener Rou­te, die einst auch Hei­ne nahm.

Land­schaft als Zeit­ge­we­be — Gehen als Wahr­neh­mung

Das Lei­ne­tal öff­net sich ihm, dann fol­gen Nort­heim, Oster­ode, Claus­thal, Gos­lar, Bad Harz­burg – Orte wie Per­len auf einer kaum sicht­ba­ren Schnur aus Zeit. Schließ­lich erhebt sich der Bro­cken, damals wie heu­te Ziel und Prü­fung zugleich.

Und wei­ter zieht er, durch Wer­ni­ge­ro­de, nach Rübe­land, hin­ab ins Bode­tal bis Tha­le, wobei er der his­to­ri­schen Linie Hei­nes nicht skla­visch folgt, son­dern ihr lei­se aus­weicht, als wol­le er der Ver­gan­gen­heit nicht nur fol­gen, son­dern ihr begeg­nen.

Tag für Tag legt Kopetz­ky rund zwan­zig Kilo­me­ter zurück. Sein Gehen ist lang­sam, beharr­lich, bei­na­he medi­ta­tiv. Unter­wegs oder spä­ter in den stil­len Zim­mern der Her­ber­gen notiert er, was sich ihm zeigt: Wäl­der, vom Bor­ken­kä­fer gezeich­net wie von einer unsicht­ba­ren Schrift, und zugleich die Zei­chen einer Geschich­te, die sich in die Land­schaft ein­ge­schrie­ben hat.

Gren­ze und Geschich­te: Begeg­nung im Gegen­wär­ti­gen

Denn die­se Wege sind nicht nur Natur, sie sind auch Gren­ze gewe­sen. Hier ver­lief einst die Linie zwi­schen zwei deut­schen Staa­ten. Auf dem Bro­cken stand die Welt der DDR der west­li­chen gegen­über, und selbst die Rote Armee hat­te hier ihren äußers­ten Vor­pos­ten in Rich­tung Wes­ten. Geschich­te liegt nicht hin­ter ihm – sie liegt unter sei­nen Schrit­ten.

Und doch begeg­net ihm nicht nur Ver­gan­gen­heit, son­dern Gegen­wart in mensch­li­cher Gestalt: Gast­wir­te, Jugend­li­che, Wan­dern­de, Stim­men zwi­schen Hoff­nung und Müdig­keit, zwi­schen Trotz und Gelas­sen­heit. Aus Gesprä­chen ent­steht ein viel­stim­mi­ges Bild einer Regi­on, die sich nicht fest­le­gen lässt.

Harz­rei­se: Der ver­än­der­te Blick des Gehens

Das Gehen selbst ver­än­dert den Blick. Es macht den Autor durch­läs­sig für das, was ihn umgibt, und ver­bin­det ihn mit einer Land­schaft, die nicht nur Kulis­se ist, son­dern Gegen­über.

Schritt für Schritt ent­steht Nähe – zu Orten, zu Men­schen, zu einer Atmo­sphä­re, die sich nicht in Zah­len oder Urtei­len fas­sen lässt.

Ein wider­sprüch­li­cher Harz in einer fra­gi­len Gegen­wart

Wer heu­te in den Harz blickt, sieht nicht nur eine Regi­on, son­dern eine wider­sprüch­li­che Wirk­lich­keit. Erwar­tet wer­den oft Bil­der des Rück­zugs, des Man­gels, eines Ostens, der mit sich ringt. Und doch zei­gen sich über­ra­schen­de Gegen­bil­der: wirt­schaft­lich leben­di­ge Orte neben ver­öde­ten Struk­tu­ren, Zuver­sicht neben Abwehr, Offen­heit neben Miss­trau­en.

Gleich­zei­tig bleibt vie­les fra­gil. Hotels und Gast­häu­ser schlie­ßen, weil Hän­de feh­len, die sie tra­gen. Selbst auf dem Bro­cken, die­sem Sym­bol des Rei­sens und Sehens, droht die Gast­lich­keit zu ver­stum­men, nicht aus Man­gel an Gäs­ten, son­dern aus Man­gel an Men­schen, die blei­ben wol­len.

Am Ende die­ser Wan­de­rung steht kein Schluss­strich, son­dern ein Nach­hall. Die Natur ist ver­wun­de­ter als zu Hei­nes Zei­ten, und doch wei­ter­hin über­wäl­ti­gend. Die poli­ti­schen Span­nun­gen haben ihre Form gewech­selt, nicht aber ihre Exis­tenz ver­lo­ren.

Zwi­schen Schön­heit und Brü­chig­keit

So bleibt ein Ein­druck, der sich nicht auf­lö­sen lässt: ein Deutsch­land, das zugleich ver­traut und fremd wirkt – schön und brü­chig, klar und wider­sprüch­lich. Und viel­leicht, so klingt es nach, geht der Weg Euro­pas genau durch die­se Unschär­fe hin­durch.

Hei­ne ging einst wei­ter nach Frank­reich, ins Exil. Kopetz­ky hin­ge­gen bleibt im Gehen ver­an­kert – und in einer Hoff­nung, die sich nicht fest­hal­ten lässt, son­dern nur im Wei­ter­ge­hen selbst exis­tiert.

“Die Harz­rei­se. Eine Deutsch­lan­d­er­kun­dung” von Stef­fen Kopetz­ky
Ver­lag Rowohlt Ber­lin, 240 Sei­ten
23 Euro
ISBN: 978–3‑7371–0256‑8
Erschei­nungs­da­tum: 17.04.2026

Stef­fen Kopetz­ky ist mit sei­nem neu­en Buch auf Lese­rei­se in Mit­tel­deutsch­land:

04.05.2026 Mühl­hau­sen 19:30 Uhr
05.05.2026 Wer­ni­ge­ro­de 18:00 Uhr
wei­te­re Ter­mi­ne in Nort­heim, Göt­tin­gen, Wol­fen­büt­tel und Han­no­ver

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