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Vor 80 Jah­ren – Das Kriegs­en­de in Oster­ode am Harz

Der aufgegebene Panzer VI „Königstiger“ in der Osteroder Dörgestraße

Nach dem Über­schrei­ten des Rheins am 7. März 1945 konn­ten die weit über­le­ge­nen alli­ier­ten Armeen rasch in Rich­tung Osten vor­rü­cken. Die US-Pan­zer und ihre moto­ri­sier­ten Ein­hei­ten waren, ggf. mit Unter­stüt­zung durch Artil­le­rie und Air Force, in der Lage, den deut­schen Wider­stand schnell zu bre­chen. Doch hat­ten die deut­schen Mili­tärs noch die – aller­dings voll­stän­dig illu­so­ri­sche – Hoff­nung, den Vor­marsch der West­al­li­ier­ten im Harz­ge­bir­ge auf­hal­ten zu kön­nen. Der Harz wur­de vom Ober­kom­man­do der Wehr­macht zur Fes­tung erklärt. Er soll­te von der 11. Armee unter Gene­ral Lucht unbe­dingt gehal­ten wer­den. Hier kam es zu einem letz­ten, ver­zwei­fel­ten Wider­stand der deut­schen Sol­da­ten gegen die längst besie­gel­te Nie­der­la­ge an der West­front.

Oster­ode blieb bis kurz vor Kriegs­en­de von Luft­an­grif­fen ver­schont. Am Nach­mit­tag des 7. April 1945 grif­fen jedoch alli­ier­te Jagd­bom­ber den Oster­oder Haupt­bahn­hof an und zer­stör­ten meh­re­re Bahn­glei­se sowie den städ­ti­schen Schlacht­hof. Min­des­tens zehn Men­schen – Rei­sen­de, Eisen­bah­ner und Schlacht­hof­mit­ar­bei­ter – fan­den bei die­sem Angriff den Tod. Die Zer­stö­rung der Glei­se hat­te Aus­wir­kun­gen auf ein ande­res Ereig­nis. Beim Her­an­na­hen der ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen wur­de Anfang April 1945 das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Mit­tel­bau-Dora bei Nord­hau­sen geräumt. Die KZ-Häft­lin­ge soll­ten mit der Eisen­bahn von Nord­hau­sen über Herz­berg und See­sen nach Nor­den – wahr­schein­lich ins KZ Ber­gen-Bel­sen – trans­por­tiert wer­den.

Am 8. April 1945 blieb ein Zug mit KZ-Häft­lin­gen kurz vor dem Hal­te­punkt Oster­ode-Süd in Höhe des Kai­ser­teichs lie­gen. Die Schä­den, die die Bom­bar­die­rung des Haupt­bahn­hofs am Vor­tag ver­ur­sacht hat­te, mach­ten eine Wei­ter­fahrt vor­erst unmög­lich. Die Häft­lin­ge lit­ten Durst, sodass eini­ge von ihnen in den was­ser­füh­ren­den Grä­ben am Bahn­damm trin­ken woll­ten. Das beglei­ten­de SS-Wach­per­so­nal eröff­ne­te das Feu­er auf die Häft­lin­ge und erschoss min­des­tens 30 von ihnen. Die Über­le­ben­den trieb man in den Ober­harz und wei­ter nach Oker. Auf die­sem Todes­marsch ermor­de­te die SS zahl­rei­che wei­te­re Häft­lin­ge. Der Gedenk­stein am Süd­bahn­hof und eini­ge Ste­len an der Stre­cke des Todes­mar­sches erin­nern heu­te an die Opfer.

Mit dem Her­an­na­hen der Front zogen zurück­ge­hen­de deut­sche Sol­da­ten – Kampf­ver­bän­de, Tros­se, Schreib­stu­ben – durch Oster­ode. In der Stadt hiel­ten sich neben den Ein­woh­nern auch zahl­rei­che Eva­ku­ier­te, Flücht­lin­ge und Ver­wun­de­te auf. Außer­dem befan­den sich hier sehr vie­le soge­nann­te Fremd­ar­bei­ter und Kriegs­ge­fan­ge­ne, die in den ört­li­chen Betrie­ben arbei­ten muss­ten. Die Oster­oder hoff­ten, dass ihre Stadt vor Kampf­hand­lun­gen ver­schont wür­de, doch mel­de­ten sich beim kom­mis­sa­ri­schen Bür­ger­meis­ter Wil­helm Schwarz am 10. April bin­nen weni­ger Stun­den drei Offi­zie­re, die alle für sich in Anspruch nah­men, als Kampf­kom­man­dan­ten die Ver­tei­di­gung der Stadt zu lei­ten. Die Ernen­nung von drei Kampf­kom­man­dan­ten zeigt deut­lich, dass in die­ser Pha­se des Krie­ges auch die höhe­ren Wehr­machts­stä­be den Über­blick über die Lage häu­fig schon ver­lo­ren hat­ten.

Schließ­lich „einig­ten“ sich die drei Offi­zie­re, dass Haupt­mann Hel­mut Flachs­bart als Kampf­kom­man­dant die Befehls­ge­walt inne­ha­ben soll­te. Eilig erfolg­te nun die Eva­ku­ie­rung der Zivil­be­völ­ke­rung aus der Stadt. So such­ten die Oster­oder in einem Luft­schutz­stol­len im Ühr­der Berg sowie in Stol­len in den Gips­ber­gen Schutz. Ande­re flo­hen in den Stadt­wald, wo sie unter frei­em Him­mel kam­pie­ren muss­ten.

Der kom­mis­sa­ri­sche Bür­ger­meis­ter Schwarz ver­such­te, den Kampf­kom­man­dan­ten davon zu über­zeu­gen, dass eine Ver­tei­di­gung der Stadt auf­grund der Tal­la­ge Oster­odes völ­lig aus­sichts­los sei. Auch wies Schwarz dar­auf hin, dass eine Spren­gung der Söse­brü­cken kei­nen Sinn habe, da der Fluss kein ernst­haf­tes Hin­der­nis dar­stell­te. Doch sah sich Haupt­mann Flachs­bart an sei­ne Befeh­le gebun­den, schlug dem kom­mis­sa­ri­schen Bür­ger­meis­ter aber vor, sei­ne Beden­ken per­sön­lich beim Ober­kom­man­do der 11. Armee im Rie­fens­bee­ker Forst­amt vor­zu­tra­gen, um eine Scho­nung der Stadt zu errei­chen. Eine heik­le Mis­si­on, wur­den doch sol­che Vor­schlä­ge schnell als Defä­tis­mus und Hoch­ver­rat ange­se­hen.

So bat Schwarz Land­rat von Schön­feldt, ihn nach Rie­fens­beek zu beglei­ten, um den Oster­oder Wün­schen den nöti­gen Nach­druck zu ver­lei­hen. Die­ser gefähr­li­che Bitt­gang der bei­den Behör­den­lei­ter zum Ober­kom­man­do der 11. Armee hat­te – obwohl dort ein Stabs­of­fi­zier mit dem Stand­recht droh­te – Erfolg: Oster­ode soll­te nicht im Stadt­ge­biet selbst, son­dern auf den vor­ge­la­ger­ten Höhen ver­tei­digt wer­den.

Bereits in der Nacht vom 10. auf den 11. April hat­te der Kampf um Oster­ode begon­nen. Eine US-Pan­zer­ab­tei­lung ver­such­te, von Schwie­gers­hau­sen aus schnell nach Oster­ode vor­zu­sto­ßen, um die Stadt „im Hand­streich“ zu neh­men. Doch hat­te ein deut­scher Pan­zer ober­halb der Stra­ße Schwie­gers­hau­sen – Oster­ode Stel­lung bezo­gen und wehr­te den ame­ri­ka­ni­schen Vor­stoß ab. US-Artil­le­rie begann dar­auf­hin noch in der Nacht zum 11. April, Oster­ode zu beschie­ßen, wodurch eini­ge Gebäu­de erheb­lich beschä­digt wur­den.

Am 11. April schließ­lich soll­ten die Ame­ri­ka­ner die deut­schen Ver­tei­di­gungs­stel­lun­gen durch­bre­chen, die als eine Art Halb­kreis Förs­te – Mar­ke – Dors­te – Ühr­de – Bei­er­fel­de um die Kreis­stadt ver­lie­fen. Doch konn­te hier kei­ne geschlos­se­ne Front­li­nie gebil­det wer­den, nur ein­zel­ne Kampf­grup­pen soll­ten das Vor­drin­gen der Ame­ri­ka­ner ver­hin­dern. Die deut­schen Ver­bän­de, die hier ein­ge­setzt wur­den, bestan­den z. T. aus „zusam­men­ge­wür­fel­ten“ Grup­pen, die kurz­fris­tig aus Ver­spreng­ten, Rekon­va­les­zen­ten aus den Laza­ret­ten, Front­ur­lau­bern usw. zusam­men­ge­stellt wur­den. Ins­ge­samt etwa 240 Infan­te­ris­ten, die von acht bis zehn deut­schen Pan­zern und ein­zel­nen Flak­ge­schüt­zen unter­stützt wur­den, erwar­te­ten am Mor­gen des 11. April 1945 in ihren Stel­lun­gen den Angriff der weit über­le­ge­nen Ame­ri­ka­ner auf Oster­ode.

Am Vor­mit­tag stie­ßen die US-Trup­pen von Kat­len­burg in Rich­tung Dors­te vor, das sie kampf­los beset­zen konn­ten. Von Dors­te aus woll­ten die Ame­ri­ka­ner ent­lang der Reichs­stra­ße wei­ter in die Kreis­stadt vor­rü­cken, doch wur­den sie weni­ge hun­dert Meter hin­ter dem Orts­aus­gang von der Kampf­grup­pe des Oster­oder Stadt­kom­man­dan­ten und einem deut­schen Pan­zer auf­ge­hal­ten. Über Stun­den soll­te es den US-Trup­pen trotz ihrer zah­len­mä­ßi­gen Über­le­gen­heit nicht gelin­gen, die­se Sperr­stel­lung zu durch­bre­chen.

Um einen ver­lust­rei­chen Angriff gegen die ent­schlos­sen ver­tei­dig­te Stra­ßen­sper­re zu ver­mei­den, schick­ten die Ame­ri­ka­ner sechs Tanks mit auf­ge­ses­se­ner Infan­te­rie von Dors­te ent­lang des Müh­len­bachs in Rich­tung Schwie­gers­hau­sen, um die deut­sche Abwehr­stel­lung bei Dors­te zu umge­hen. Doch blieb die­ser Umge­hungs­ver­such nicht unbe­merkt. Ein bei Ühr­de pos­tier­ter Pan­zer bezog eine güns­ti­ge Angriffs­po­si­ti­on und schoss die sechs nach Schwie­gers­hau­sen fah­ren­den US-Tanks ab.

Die Ame­ri­ka­ner ver­such­ten auch in Förs­te den deut­schen Abwehr­ring auf­zu­bre­chen. Die GI´s über­schrit­ten die Söse und began­nen sich auf Förs­te vor­zu­ar­bei­ten. Um das wei­te­re Vor­drin­gen der US-Trup­pen zu ver­hin­dern, gin­gen die deut­schen Ver­tei­di­ger gegen Mit­tag zu einem Gegen­an­griff vor. Ein schwe­rer Pan­zer gab Flan­ken­schutz, wäh­rend zwei leich­te­re Kampf­wa­gen vor­rück­ten. Der Gegen­stoß schei­ter­te, zwei deut­sche Pan­zer blie­ben im ame­ri­ka­ni­schen Geschoss­ha­gel lie­gen. Kurz dar­auf muss­ten sich die deut­schen Sol­da­ten aus Förs­te zurück­zie­hen.

Im Zuge der Kampf­hand­lun­gen wur­den auch eini­ge Gebäu­de in Förs­te und Nien­stedt zer­stört bzw. schwer beschä­digt, ein Zivi­list aus Förs­te fand durch den ame­ri­ka­ni­schen Artil­le­rie­be­schuss den Tod.

Als Siche­rung an der Stra­ße Schwie­gers­hau­sen – Oster­ode waren bei Bei­er­fel­de ledig­lich ein ein­zel­ner Pan­zer (Jagd­ti­ger) sowie eini­ge Infan­te­ris­ten in Stel­lung gegan­gen. Alli­ier­te Auf­klä­rungs­flug­zeu­ge ent­deck­ten den schwe­ren deut­schen Kampf­wa­gen und lenk­ten star­kes Artil­le­rie­feu­er auf sei­ne Posi­ti­on. Mit dem Abschuss des Jagd­ti­gers brach auch hier der deut­sche Wider­stand zusam­men. Auch die Wehr­machts­sol­da­ten an der Stra­ßen­sper­re bei Dors­te waren gezwun­gen, ihre Posi­ti­on auf­zu­ge­ben. Die ame­ri­ka­ni­sche Artil­le­rie hat­te begon­nen, sich auf die Ver­tei­di­gungs­li­nie ein­zu­schie­ßen.

Nach­dem die deut­schen Stel­lun­gen in Förs­te, bei Dors­te und bei Bei­er­fel­de von den Ame­ri­ka­nern genom­men wor­den waren, muss­ten sich auch die deut­schen Kräf­te in Ühr­de schleu­nigst zurück­zie­hen, da sie sonst ein­ge­schlos­sen wor­den wären. Jagd­bom­ber­an­grif­fe, das aus Beob­ach­tungs­flug­zeu­gen gelei­te­te Artil­le­rie­feu­er und schließ­lich das „Über­rol­len“ durch die rasch vor­rü­cken­den Ame­ri­ka­ner füg­ten den Deut­schen auf ihrem Rück­zug schwe­re Ver­lus­te zu.

Im direk­ten Umfeld der Stadt gab es noch eini­ge klei­ne­re Gefech­te. Auf dem Ühr­der Berg war ein schwe­res deut­sches Flak­ge­schütz in Stel­lung gegan­gen, das die vor­drin­gen­den Ame­ri­ka­ner beschoss, dann aber auf sei­nem Rück­zug in der Nort­hei­mer Stra­ße zer­stört wur­de. In der Herz­ber­ger Stra­ße wur­de ein wei­te­rer Jagd­ti­ger von den US-Sol­da­ten abge­schos­sen. Ein ande­rer deut­scher Pan­zer wur­de von sei­ner Besat­zung in der Dör­ge­stra­ße auf­ge­ge­ben. Etwa 50 deut­sche Sol­da­ten sowie fünf oder sechs Zivi­lis­ten kamen bei den Kämp­fen im Raum Oster­ode ums Leben.

Die ver­blie­be­nen deut­schen Ver­tei­di­ger räum­ten Oster­ode und zogen sich in Rich­tung Harz zurück. Obwohl die Söse im Stadt­be­reich pro­blem­los durch­wa­tet wer­den kann, spreng­ten Wehr­macht­spio­nie­re noch die Bahn­hofs­brü­cke (spä­te­re Armen­tiè­res­brü­cke), die Johan­nis­tor­brü­cke und die Wald­stra­ßen­brü­cke. Die­se Spren­gun­gen, die mili­tä­risch völ­lig sinn­los waren, fie­len auch.

Foto: Stadt­ar­chiv Oster­ode, Foto 10–01-207–029

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