Vor 26 Jahren nahm in Wernigerode eine Idee Gestalt an, die das Gesicht der Stadt nachhaltig verändern sollte: Aus einem städtebaulichen Problemgebiet mit Altlasten, Industriebrachen, leerstehenden Baracken und schwer zugänglichen Teichen sollte eine grüne, öffentlich zugängliche Parklandschaft werden. Der Weg führte über die Landesgartenschau Wernigerode 2006 – und mündete in den heutigen Bürgerpark.
Was damals wie ein gewagtes Experiment wirkte, ist heute ein fester Bestandteil des städtischen Lebens. Der Bürgerpark Wernigerode verbindet Natur, Erholung, Gartenkunst, Umweltbildung, Freizeit und Tourismus. Aus einem Gelände, das vielen Einwohnern kaum bekannt und teilweise von Stacheldraht und Altlasten geprägt war, wurde ein rund 15 Hektar großer Landschaftspark mit Themengärten, Teichen, Biotopen, Spielangeboten und Aussichtspunkten.
Dabei ist die Geschichte des Bürgerparks weit mehr als die Geschichte einer gelungenen Gartenschau. Sie ist ein Beispiel dafür, wie eine Stadt durch langfristige Planung aus einer belasteten Fläche einen neuen öffentlichen Raum schaffen kann.
Ein Problemgebiet am Rand der Stadt
Wer heute durch den Bürgerpark spaziert, kann sich nur schwer vorstellen, wie das Areal vor der Landesgartenschau aussah.
Das Gelände am nördlichen Rand Wernigerodes war über Jahrzehnte sehr unterschiedlich genutzt worden. Bereits seit dem Mittelalter gab es dort Fischteiche. Später kamen Kleingärten, Wohngebiete, Industrie- und Gewerbeflächen hinzu. Ein Teil des Areals wurde schließlich als Bauschuttdeponie genutzt. Dadurch entstand ein stark zersplitterter Raum mit ganz unterschiedlichen Nutzungen und erheblichen städtebaulichen und ökologischen Problemen.
Die Stadt Wernigerode beschrieb die Ausgangssituation später als städtebaulichen Missstand: Zwischen dem Wohngebiet Harzblick und dem Stadtzentrum fehlten attraktive fußläufige Verbindungen. Hinzu kamen Altlasten, Industriebrachen, leerstehende Baracken und ein teilweise abgesperrtes Gelände. Selbst die sieben vorhandenen Teiche waren vielen Wernigeröderinnen und Wernigerödern kaum bekannt.
Gerade dieser Gegensatz macht die spätere Entwicklung so bemerkenswert. Dort, wo heute Familien spazieren, Kinder spielen, Besucher durch Themengärten schlendern und Menschen auf Bänken den Blick auf die Harzer Landschaft genießen, lag einst eine Fläche, die eher als Problem denn als Erholungsraum wahrgenommen wurde.
1999 begann die entscheidende Idee
Die entscheidende Wende kam nicht erst mit den Bauarbeiten für die Landesgartenschau. Sie begann mit einer politischen und gesellschaftlichen Vision.
Nach Angaben der Stadt Wernigerode wurde die Idee einer Landesgartenschau bereits 1999 zu einem Stadtratsbeschluss. Im Jahr 2001 bewarb sich Wernigerode um die Landesgartenschau 2006. Nach dem Zuschlag wurden noch im selben Jahr der Förderverein „Landesgartenschau Wernigerode 2006 e. V.“ und 2002 die Durchführungsgesellschaft gegründet.
Damit lässt sich die Aussage „vor 26 Jahren“ historisch genauer einordnen: Im Jahr 2000 war der Bürgerpark noch längst kein fertiger Park. Doch in dieser Zeit nahm die Idee, das Problemgebiet grundsätzlich neu zu denken, bereits konkrete Formen an. Die eigentliche Landesgartenschau fand später vom 15. April bis zum 8. Oktober 2006 statt.
Die Gartenschau war deshalb von Anfang an mehr als eine Blumenausstellung. Sie sollte eine städtebauliche Aufgabe lösen: ein abgeschnittenes, belastetes und wenig attraktives Gebiet wieder mit der Stadt verbinden.
Vom Müll- und Bauschuttgelände zur Parklandschaft
Ein zentraler Bestandteil des Projekts war die Sanierung der belasteten Flächen.
Besonders wichtig war die ehemalige Bauschuttdeponie auf der sogenannten Zaunwiese. Die Fläche wurde saniert und abgedichtet. Der damalige Landschaftsarchitektur-Entwurf verband den notwendigen Bodenschutz mit einer gestalterischen Idee: Die Geschichte des Ortes sollte nicht einfach verschwinden, sondern teilweise sichtbar und erlebbar bleiben.
So entstand unter anderem die Mineralienschlucht. Sie macht den geologischen Aufbau des Harzes auf ungewöhnliche Weise sichtbar. Entlang von Gabionenwänden wird ein geologischer Schnitt inszeniert; die bis zu sieben Meter hohen und rund 50 Meter breiten Flächen gehören zu den markanten Elementen des Parks.
Auch beim Umgang mit den vorhandenen Materialien wurde eine neue Perspektive eingenommen. In den sogenannten Recyclinggärten wurden Fundstücke und Materialien der ehemaligen Bauschuttdeponie mit modernen Elementen der Gartengestaltung kombiniert. Dadurch wurde aus dem Problem der Vergangenheit ein Bestandteil der Gestaltung.
Das ist ein bemerkenswerter Gedanke: Der Park verdrängt seine Vergangenheit nicht vollständig, sondern erzählt sie.
Sieben Teiche wurden zum Rückgrat des neuen Parks
Eine zweite Besonderheit des Geländes war das Wasser.
Die historischen Fischteiche waren schon vor der Landesgartenschau vorhanden. Die Planer machten sie zum zentralen Rückgrat der neuen Landschaft. Der Siegerentwurf des landschaftsarchitektonischen Wettbewerbs von 2003 sah vor, die sieben Teiche durch eine zusammenhängende Weg- und Steganlage miteinander zu verbinden.
Daraus entwickelte sich der sogenannte Fish Walk.
Die mehr als einen Kilometer lange Steganlage führt Besucherinnen und Besucher entlang beziehungsweise über die Teiche. Wasserstationen, Brücken und besondere architektonische Elemente machten die Fischteiche während der Landesgartenschau zu einem Erlebnisraum.
Gleichzeitig hatte die Umgestaltung eine ökologische Dimension. So wurde beispielsweise der Schreiberteich, der durch Grundwasserzuflüsse aus dem angrenzenden Deponiebereich belastet war, ökologisch aufgewertet. Ein bepflanzter Bodenfilter mit Schilf und Seggen sollte dazu beitragen, das anströmende Wasser zu reinigen.
Damit entstand aus einer belasteten Fläche nicht nur ein schöner, sondern auch ein ökologisch durchdachter Landschaftsraum.
„Harzblicke erleben“ – die Landesgartenschau 2006
Am 15. April 2006 öffnete die zweite Landesgartenschau Sachsen-Anhalts in Wernigerode ihre Tore. Ihr Motto lautete „Harzblicke erleben“.
Rund 100 Themengärten und thematische Flächen gehörten zum Ausstellungskonzept. Sie sollten nicht nur repräsentative Gartengestaltung zeigen, sondern den Besuchern Anregungen für den eigenen Garten vermitteln. Dazu gehörten unter anderem asiatische Gartenwelten, Bauerngärten, Rosengärten und unterschiedlich inszenierte Erlebnisbereiche.
Die Landesgartenschau wurde zu einem Publikumserfolg. Je nach Quelle werden mehr als 600.000 Besucher genannt; die Stadt Wernigerode spricht rückblickend von rund 640.000 Gästen.
Auch wirtschaftlich und regionalpolitisch war das Projekt bedeutend. Insgesamt wurden – je nach zugrunde gelegter Abgrenzung – rund 13,6 bis 14,5 Millionen Euro in das Gelände und sein Umfeld investiert. Der damalige Ministerpräsident Wolfgang Böhmer betonte bei der Eröffnung zudem, dass etwa 95 Prozent der beteiligten Firmen aus der Region Wernigerode stammten.
Doch die wichtigste Frage lautete schon damals: Was bleibt nach der Gartenschau?
Der entscheidende Schritt: Aus der Gartenschau wird ein Bürgerpark
Die Antwort war die dauerhafte Nachnutzung als Bürgerpark.
Bereits während der Planungen wurde Wert darauf gelegt, dass die neu geschaffenen Strukturen nach dem Ende der Ausstellung bestehen bleiben konnten. Nach dem Ende der Landesgartenschau am 8. Oktober 2006 wurde das Gelände nicht wieder seinem früheren Zustand überlassen. Stattdessen entstand daraus der heutige Bürgerpark.
Am 1. April 2007 öffnete der Wernigeröder Bürgerpark offiziell seine Tore. Die Stadt stellte dabei ausdrücklich die Wiederherstellung wichtiger Wegebeziehungen und die bessere Zugänglichkeit für die Anwohner in den Mittelpunkt.
Damit wurde aus einem zeitlich begrenzten Großereignis ein dauerhafter Bestandteil der Stadt.
Heute: 15 Hektar grüne Lebensqualität
Heute umfasst der Bürgerpark rund 15 Hektar. Mehr als 60 Themengärten und Gartenbereiche bilden ein breites Band durch das Gelände. Hinzu kommen Teiche, Biotope, Spielbereiche, Aussichtsmöglichkeiten und zahlreiche Möglichkeiten zum Aufenthalt.
Zu den auffälligen Attraktionen gehört die 22 Meter hohe Aussichtsplattform, von der sich der Park und die Harzer Landschaft überblicken lassen. Die Mineralienschlucht, die Teiche und die unterschiedlichen Biotope machen den Bürgerpark gleichzeitig zu einem Ort, an dem Natur nicht nur dekorativ, sondern auch erklärend und erlebbar präsentiert wird.
Besonders eindrucksvoll ist die jahreszeitliche Veränderung. Nach Angaben des Bürgerparks sorgen bereits zu Saisonbeginn mehr als 180.000 Frühblüher für einen auffälligen Blütenauftakt. Der Pfingstrosengarten und die wechselnden Blumenpflanzungen gehören zu den besonderen gärtnerischen Höhepunkten.
Der Park ist damit nicht bloß eine Erinnerung an die Landesgartenschau. Er hat eine eigene Identität entwickelt.
Ein Park für Familien, Spaziergänger und Erholungssuchende
Die heutige Bedeutung des Bürgerparks liegt vor allem in seiner Vielseitigkeit.
Für Familien ist er ein Freizeitort mit Spielmöglichkeiten und großzügigen Bewegungsflächen. Für Spaziergänger bietet er Rundwege, Wasserflächen und Themengärten. Gartenfreunde können unterschiedliche Pflanz- und Gestaltungsideen entdecken. Wer Ruhe sucht, findet Sitz- und Liegebereiche am Wasser.
Auch die touristische Vermarktung Wernigerodes bindet den Bürgerpark inzwischen selbstverständlich in das Angebot der Stadt ein. Die Tourismusorganisation beschreibt ihn als weitläufiges Gelände mit Themengärten, Aussichtsplattform, Spielplätzen, Parkrestaurant und Teichen.
Besonders interessant ist dabei die Kombination mit dem benachbarten Miniaturenpark „Kleiner Harz“. So entsteht ein Freizeitbereich, der Naturerlebnis, Gartenkunst, Familienausflug und touristische Attraktion miteinander verbindet.
Bürger- und Miniaturenpark Wernigerode
Ein wichtiger Baustein für die Stadtentwicklung
Die vielleicht wichtigste Bedeutung des Bürgerparks wird jedoch erst sichtbar, wenn man nicht auf Blumen und Gartenanlagen, sondern auf Stadtentwicklung schaut.
Die Stadt Wernigerode bezeichnete zehn Jahre nach der Landesgartenschau gerade die städtebaulichen Ziele als wichtigsten nachhaltigen Gewinn. Das Wohngebiet Harzblick erhielt ein attraktiveres Umfeld und eine bessere Verbindung zum Stadtzentrum. Aus einem abgesperrten und problematischen Areal wurde ein öffentlicher Raum, der unterschiedliche Stadtbereiche miteinander verknüpft.
Das ist ein entscheidender Punkt: Der Bürgerpark ist nicht einfach irgendwo in Wernigerode entstanden. Er liegt genau dort, wo zuvor eine Barriere und ein städtebaulicher Missstand bestanden.
Der Park hat damit eine verbindende Funktion. Er bringt Menschen aus angrenzenden Wohngebieten in einen gemeinsamen öffentlichen Raum und schafft Wege, Aufenthaltsmöglichkeiten und Sichtbeziehungen.
Aus einem „Dazwischen“ wurde ein „Dazugehörig“.
Der Bürgerpark als Lernort
Eine weitere Rolle spielt die Umwelt- und Naturbildung.
Bereits zur Landesgartenschau wurden Natur, Wasser, Fischzucht, Geologie und Gartenkultur miteinander verbunden. Diese Themen sind auch heute noch im Park ablesbar.
Seit vielen Jahren gehört beispielsweise das Grüne Klassenzimmer zum Bürgerpark. Die Stadt bezeichnete den Park bereits zum zehnjährigen Jubiläum als Lernort. Veranstaltungen des Harzmuseums und weitere Bildungsangebote nutzten das Gelände, um Kindern und Erwachsenen Natur und Umwelt näherzubringen.
Damit erfüllt der Park eine Aufgabe, die für Städte zunehmend wichtiger wird: Er bringt Naturbildung direkt in den urbanen Alltag.
Kinder müssen nicht erst weit in den Harz fahren, um ökologische Zusammenhänge zu entdecken. Wasser, Pflanzen, Tiere, Böden und geologische Besonderheiten liegen hier auf engem Raum nebeneinander.
Ein Beispiel für nachhaltige Flächennutzung
Der Bürgerpark Wernigerode zeigt außerdem, wie sich die Perspektive auf sogenannte Problemflächen verändern kann.
Eine ehemalige Deponie muss nicht zwangsläufig dauerhaft eine Belastung bleiben. Eine Industriebrache muss nicht zwingend versiegelt oder bebaut werden. Ein unzugänglicher Bereich kann durch gute Planung zu einem öffentlichen Raum werden.
In Wernigerode wurde dieser Wandel mit einer Kombination aus Sanierung, Landschaftsarchitektur und langfristiger Nutzung erreicht. Die Altlasten wurden gesichert, Wege geschaffen, Wasserflächen ökologisch aufgewertet und die vorhandenen Besonderheiten in ein neues Gesamtkonzept integriert.
Gerade angesichts des Klimawandels und der zunehmenden Bedeutung innerstädtischer Grünflächen ist dieses Modell interessant. Parks bieten nicht nur Freizeitmöglichkeiten. Sie schaffen Aufenthaltsqualität, strukturieren Stadträume und können ökologische Funktionen übernehmen.
Ein Stück Wernigeröder Identität
Heute ist der Bürgerpark fest mit dem Bild Wernigerodes verbunden.
Die Stadt ist international vor allem wegen ihrer historischen Fachwerkarchitektur, des Schlosses und ihrer Lage am Harz bekannt. Der Bürgerpark ergänzt dieses touristische Bild um eine moderne Facette: Er steht für eine Stadt, die nicht nur historische Substanz bewahrt, sondern auch neue Landschaftsräume geschaffen hat.
Die ursprüngliche Idee der Landesgartenschau hat sich damit weiterentwickelt. Was 2006 als zeitlich begrenzte Präsentation von Gartenkunst und Landschaftsarchitektur begann, ist zu einem dauerhaften Stück Stadt geworden.
Dass der Park auch 20 Jahre nach der Landesgartenschau noch als Bereicherung wahrgenommen wird, zeigt seine nachhaltige Wirkung. Zum Jubiläumsjahr 2026 wird ausdrücklich daran erinnert, dass die Landesgartenschau der Ursprung des Bürgerparks war. Der heutige Park verbindet nach wie vor Erholung, Naturerlebnis und Freizeitgestaltung.
26 Jahre Entwicklung: Was aus einer Idee geworden ist
Blickt man auf die Entwicklung seit den ersten politischen Entscheidungen um die Jahrtausendwende zurück, wird die Dimension des Projekts deutlich.
Aus einer Fläche mit Altlasten, Bauschutt, Gewerberesten, leerstehenden Gebäuden und schwer zugänglichen Teichen wurde zunächst ein Landesgartenschaugelände. Aus diesem Ausstellungsgelände entstand anschließend ein dauerhafter Landschaftspark.
Dabei wurden nicht einfach neue Blumenbeete angelegt. Es wurden Altlasten saniert, Wegebeziehungen verbessert, Wohngebiete angebunden, Wasserflächen aufgewertet und neue öffentliche Räume geschaffen.
Und genau darin liegt die eigentliche Erfolgsgeschichte des Bürgerparks Wernigerode.
Die Landesgartenschau war das Ereignis – der Bürgerpark ist das nachhaltige Ergebnis.
Vom Problemgebiet zur grünen Visitenkarte
Der Bürgerpark Wernigerode ist heute weit mehr als das ehemalige Gelände einer Landesgartenschau.
Er ist Erholungsraum, Gartenlandschaft, Lernort, Familienziel, touristische Attraktion, ökologischer Ausgleichsraum und verbindendes Element der Stadtentwicklung. Seine Geschichte zeigt, welche Wirkung eine mutige städtebauliche Idee entfalten kann, wenn sie nicht mit dem Ende einer Veranstaltung abgeschlossen wird.
Vor gut einem Vierteljahrhundert stand an dieser Stelle vor allem die Frage im Raum, wie mit einer schwierigen, teilweise vermüllten und belasteten Fläche umgegangen werden sollte. Heute stehen dort Themengärten, blühende Beete, Teiche, Biotope, Spielbereiche und Aussichtspunkte.
Die Geschichte des Bürgerparks ist deshalb auch eine Geschichte über einen Perspektivwechsel: Aus dem Unort wurde ein Aufenthaltsort. Aus der Brache wurde Landschaft. Aus einem zeitlich begrenzten Gartenschauprojekt wurde dauerhafte Lebensqualität für Wernigerode.
Und vielleicht ist genau das die größte Leistung der Landesgartenschau 2006: Ihre wichtigste Hinterlassenschaft ist nicht die Erinnerung an sechs Monate Gartenschau, sondern ein Park, den die Menschen auch zwei Jahrzehnte später noch täglich nutzen können.






























