Die Eiskapelle am Königssee im Nationalpark Berchtesgaden gilt seit Herbst 2025 als verschwunden. Darauf weist der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher (VdHK) in einer aktuellen Mitteilung hin. Die Firneishöhle am Fuß der Watzmann-Ostwand war über lange Zeit ein außergewöhnliches Naturphänomen und das tiefstgelegene Firneisfeld Deutschlands.
Über Jahrhunderte hinweg wurde die Eiskapelle durch Lawinenschnee aus der steilen Watzmann-Ostwand gespeist. Im Frühjahr drang Schmelzwasser in den Lawinenkegel ein und formte tunnelartige Gänge im Eis. Diese Eistunnel konnten eine Länge von bis zu 800 Metern erreichen. Wind und Wasser sorgten für glatte, teils bläulich schimmernde Eisflächen im Inneren der Höhle.
Historisches Naturziel mit Risiken
Die Eiskapelle zog über Generationen hinweg Forscher, Bergsteiger und Besucher an. Bereits im Jahr 1797 dokumentierte der Naturforscher Alexander von Humboldt das Naturphänomen. In den 1960er- und 1970er-Jahren veranstaltete die Bergwacht Berchtesgaden sogar Skirennen auf dem Firneisfeld, bei denen bekannte Wintersportler teilnahmen.
Gleichzeitig barg das Gebiet immer wieder erhebliche Gefahren. Im Laufe der Jahre kam es zu mehreren schweren Unfällen. So stürzte 1984 eine Eisbrücke am Höhleneingang ein, als sich dort eine Schulklasse aufhielt. Ein Schüler kam dabei ums Leben, mehrere weitere wurden schwer verletzt. Auch später kam es immer wieder zu gefährlichen Situationen durch abbrechende Eis- oder Felsmassen.
Forschung dokumentierte raschen Rückgang
Seit Anfang der 1990er-Jahre wurde die Entwicklung der Eiskapelle regelmäßig wissenschaftlich dokumentiert. Höhlenforscher, Universitäten und Forschungseinrichtungen setzten dafür unter anderem Vermessungen, Drohnenaufnahmen und Laserscanner ein.
Die Untersuchungen zeigen, dass die Eisformation über Jahrzehnte relativ stabil blieb. Ab etwa 2006 nahm der Eisverlust jedoch deutlich zu. Nur besonders schneereiche Winter konnten den Rückgang zeitweise bremsen. Im September 2025 kam es schließlich zum vollständigen Verlust des Firneises.
Wiederentstehung derzeit unwahrscheinlich
Eine erneute Bildung der Eiskapelle wäre nur unter bestimmten klimatischen Bedingungen möglich. Dazu zählen vor allem schneereiche Winter, kühle Sommer und geringe warme Niederschläge.
Nach Einschätzung der Forscher sind diese Voraussetzungen derzeit jedoch kaum gegeben. Die vergangenen Sommer brachten außergewöhnlich hohe Temperaturen, während gleichzeitig weniger Schneefall registriert wurde. Zudem verstärkt ein felsiger Kessel am Fuß der Watzmann-Ostwand die Erwärmung, da Sonnenstrahlen von den hellen Felsflächen reflektiert werden.
Hunderte Höhlen bereits verloren
Der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher dokumentiert seit 2025 verschwundene Höhlen in Deutschland. Nach Angaben des Verbandes sind bislang 704 Naturhöhlen erfasst worden, die durch menschliche Eingriffe oder natürliche Veränderungen verloren gegangen sind.
Häufig liegt die Ursache im Gesteinsabbau. Doch auch klimatische Veränderungen können empfindliche Höhlenlandschaften dauerhaft verändern oder zerstören. Mit den Höhlen verschwinden zugleich wertvolle geologische Archive sowie Lebensräume für seltene Arten.
Fotos: Florian Bachmann




































