Braunschweig (red). Der Polizeiberuf ist nicht einfach. Wer sich für ihn entscheidet, nimmt gesundheitliche Risiken in Kauf, arbeitet im Schichtdienst und hat damit oft Probleme im Familienleben. Die Scheidungsquote unter Polizeibeamten ist hoch. Polizist zu werden, setzt ein hohes Maß an Idealismus voraus – und der Beruf wird immer gefährlicher, wie die aktuelle Kriminalstatistik der Polizeidirektion Braunschweig jetzt gezeigt hat.
Polizeipräsident: Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft steigt
Der Polizeipräsident von Braunschweig, Michael Pientka, macht sich große Sorgen um seine Kolleginnen und Kollegen. Grund ist die stetig zunehmende Anzahl der Übergriffe auf Polizeibeamte. Der abnehmende Respekt vor der Polizei ist hierfür nur einer der Gründe. Pientka sieht einen klaren Trend zur wachsenden Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. Wie aus der Kriminalstatistik für die Polizeidirektion Braunschweig hervorgeht, wurden im vergangenen Jahr 287 Beamte im Dienst durch Übergriffe verletzt. Für den Polizeipräsidenten ist das ein „alarmierendes Zeichen.“
Michael Pientka ist bald 65 Jahre alt und wird im Sommer in Pension gehen. In seinem Berufsleben als Polizeibeamter hat er viel erlebt und kann viel erzählen. Auch der Umgang mit Statistiken ist ihm nicht fremd. Doch die Richtung, in die sich unsere Gesellschaft bewegt, beunruhigt ihn.
Delikte in einigen Kriminalitätsfeldern sind rückläufig – in anderen nehmen sie zu
Zusammenfassend lässt sich die Kriminalstatistik so beschreiben: Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Für Michael Pientka bedeutet das, dass es einige Kriminalitätsfelder gibt, in denen ein Rückgang der Straftaten beobachtet werden kann. Dies ist nicht zuletzt dem unermüdlichen Engagement der Polizei für die innere Sicherheit zu verdanken.
Zu diesen Straftaten gehören etwa Einbruchsdelikte und die Sprengungen von Geldautomaten. Auf der anderen Seite nehmen Straftaten, die mit körperlicher Gewalt verbunden sind, stark zu – eine Folge der zunehmenden psychischen Belastung, unter der immer mehr Menschen stehen und die sich schließlich in Gewalthandlungen entlädt. Dazu gehören vor allem die Themen „Häusliche Gewalt“ und „Sexualdelikte“. In der Statistik von 2024 schlägt sich häusliche Gewalt mit fast 5000 Fällen nieder. Hier müsse verstärkt auf Präventionsarbeit und gezieltere Ermittlungen gesetzt werden.
Kriminalitätsbelastung im Raum Braunschweig knapp unter dem Landesdurchschnitt
Dennoch ist die Statistik kein Grund für Schwarzmalerei. Die Aufklärungsquote im Bereich der Polizeidirektion Braunschweig liegt bei etwas über 60 Prozent. Die Kriminalitätsbelastung ist unterdurchschnittlich. Eine Zunahme verzeichnet die Statistik jedoch bei Tätern ohne deutschen Pass. Auch die Zahl der sogenannten „Opferdelikte“, bei denen Menschen infolge von Straftaten körperlich geschädigt werden, ist angestiegen. Besorgniserregend dabei: Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre haben einen großen Anteil an dieser Gruppe.
Eine weitere Erkenntnis, zu der Michael Pientka kommt, ist, dass die Polizei zur Beseitigung ihrer Nachwuchsprobleme eine wettbewerbsfähige Bezahlung bieten muss, die den Unwägbarkeiten des Polizeiberufs Rechnung trägt. Den abnehmenden Respekt vor der Polizei nennt Pientka „absolut inakzeptabel.“
Gewaltkriminalität unter Jugendlichen und „Messerdelikte“ sind stark auf dem Vormarsch
Zur traurigen Wahrheit der Statistik gehört auch, dass vor allem viele Jugendliche eine immer geringer ausgeprägte Impulskontrolle haben. Die Hemmschwelle zu körperlichen Gewaltauseinandersetzungen sinkt stetig. Immer öfter sind Messer im Spiel – entweder aus Gründen des Selbstschutzes oder aus adoleszentem Imponiergehabe. In der Region gibt es pro Jahr fast 500 Delikte unter dem Einsatz eines Messers.
Matthias Jago ist ehemaliger Polizei-Hauptkommissar und engagiert sich jetzt im „Weißen Ring“, einer Opferhilfsorganisation. Für den 77-Jährigen ist es nicht erstaunlich, dass eine wachsende Zahl der jungen Täter einen Migrationshintergrund hat und oft bei Straftaten mit Messereinsatz in Verbindung steht. „Wenn man das Messer gleich dabei hat, sind sehr schnelle und sehr brutale Auseinandersetzungen kein Wunder“, sagt er. Ein Problem sei auch, dass sich die Polizei zu viel gefallen lassen müsse. Da sei die Autorität des Staates in besonderem Maße gefordert.
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